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> Pläne der "atomaren Bewaffnung" der BRD, Das Göttinger Manifest vom 12. April 57
oker
Geschrieben am: Mittwoch, 11.Juni 2008, 08:42 Uhr
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Stabsoberfähnrich
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In einem anderen Thema wurde das "Göttinger Manifest" als Information eingestellt. Damit dieses Dokument hier erhalten bleibt möchte ich es zum Kernstück eines neuen Themas machen.

QUOTE
Das Göttinger Manifest der 18 Atomwissenschaftler vom 12. April 1957

Die Pläne einer atomaren Bewaffnung der Bundeswehr erfüllen die unterzeichnenden Atomforscher mit tiefer Sorge. Einige von ihnen haben den zuständigen Bundesministern ihre Bedenken schon vor mehreren Monaten mitgeteilt. Heute ist eine Debatte über diese Frage allgemein geworden. Die Unterzeichnenden fühlen sich daher verpflichtet, öffentlich auf einige Tatsachen hinzuweisen, die alle Fachleute wissen, die aber der Öffentlichkeit noch nicht hinreichend bekannt zu sein scheinen.

1. Taktische Atomwaffen haben die zerstörende Wirkung normaler Atombomben. Als "taktisch" bezeichnet man sie, um auszudrücken, daß sie nicht nur gegen menschliche Siedlungen, sondern auch gegen Truppen im Erdkampf eingesetzt werden sollen. Jede einzelne taktische Atombombe oder -granate hat eine ähnliche Wirkung wie die erste Atombombe, die Hiroshima zerstört hat. Da die taktischen Atomwaffen heute in großer Zahl vorhanden sind, würde ihre zerstörende Wirkung im ganzen sehr viel größer sein. Als "klein" bezeichnet man diese Bomben nur im Vergleich zur Wirkung der inzwischen entwickelten "strategischen" Bomben, vor allem der Wasserstoffbomben.

2. Für die Entwicklungsmöglichkeit der lebensausrottenden Wirkung der strategischen Atomwaffen ist keine natürliche Grenze bekannt. Heute kann eine taktische Atombombe eine kleinere Stadt zerstören, eine Wasserstoffbombe aber einen Landstrich von der Größe des Ruhrgebietes zeitweilig unbewohnbar machen. Durch Verbreitung von Radioaktivität könnte man mit Wasserstoffbomben die Bevölkerung der Bundesrepublik wahrscheinlich schon heute ausrotten. Wir kennen keine technische Möglichkeit, große Bevölkerungsmengen vor dieser Gefahr sicher zu schützen.

Wir wissen, wie schwer es ist, aus diesen Tatsachen die politischen Konsequenzen zu ziehen. Uns als Nichtpolitikern wird man die Berechtigung dazu abstreiten wollen; unsere Tätigkeit, die der reinen Wissenschaft und ihrer Anwendung gilt und bei der wir viele junge Menschen unserem Gebiet zuführen, belädt uns aber mit einer Verantwortung für die möglichen Folgen dieser Tätigkeit. Deshalb können wir nicht zu allen politischen Fragen schweigen. Wir bekennen uns zur Freiheit, wie sie heute die westliche Welt gegen den Kommunismus vertritt. Wir leugnen nicht, daß die gegenseitige Angst vor den Wasserstoffbomben heute einen wesentlichen Beitrag zur Erhaltung des Friedens in der ganzen Welt und der Freiheit in einem Teil der Welt leistet. Wir halten aber diese Art, den Frieden und die Freiheit zu sichern, auf die Dauer für unzuverlässig, und wir halten die Gefahr im Falle des Versagens für tödlich. Wir fühlen keine Kompetenz, konkrete Vorschläge für die Politik der Großmächte zu machen. Für ein kleines Land wie die Bundesrepublik glauben wir, daß es sich heute noch am besten schützt und den Weltfrieden noch am ehesten fördert, wenn es ausdrücklich und freiwillig auf den Besitz von Atomwaffen jeder Art verzichtet. Jedenfalls wäre keiner der Unterzeichnenden bereit, sich an der Herstellung, der Erprobung oder dem Einsatz von Atomwaffen in irgendeiner Weise zu beteiligen. Gleichzeitig betonen wir, daß es äußerst wichtig ist, die friedliche Verwendung der Atomenergie mit allen Mitteln zu fördern, und wir wollen an dieser Aufgabe wie bisher mitwirken.

Fritz Bopp, Max Born, Rudolf Fleischmann, Walther Gerlach, Otto Hahn, Otto Haxel, Werner Heisenberg, Hans Kopfermann, Max v. Laue, Heinz Maier-Leibnitz, Josef Mattauch, Friedrich-Adolf Paneth, Wolfgang Pauli, Wolfgang Riezler, Fritz Straßmann, Wilhelm Walcher, Carl Friedrich Frhr. v. Weizsäcker, Karl Wirtz

Quelle: http://www.dhm.de/lemo/html/dokumente/Jahr...rung/index.html


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oker

Bearbeitet von oker am Mittwoch, 11.Juni 2008, 08:42 Uhr


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einstrich-keinstrich
Geschrieben am: Mittwoch, 11.Juni 2008, 08:52 Uhr
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Das Ganze basiert auf einer Erklärung Adenauers, der
ein paar Tage vorher Kernwaffen als
"... nichts weiter, als die Weiterentwicklung der Artillerie ..."
bezeichnete und die Einführung von Kernwaffen auch für
die im Entstehen begriffene Bundeswehr forderte, was
für entsprechenden Wellengang in der Öffentlichkeit
sorgte.

Interessant wäre ja mal festzustellen, wann dann tat-
sächlich KWEM in der Bundeswehr eingeführt wurden.

Adenauer traf sich übrigens am 18. April 1957 mit einigen der
Wissenschaftler, man verabschiedete ein gemeinsames
Kommuniqué, in dem sich alle Beteiligten durch Unterschrift
zum Frieden und zur allgemeinen Abrüstung bekannten.

Bearbeitet von einstrich-keinstrich am Mittwoch, 11.Juni 2008, 08:53 Uhr


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ADK-125
Geschrieben am: Mittwoch, 11.Juni 2008, 08:52 Uhr
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@oker

die unterschreibenden (Atom)-Forscher geben die Betroffenen.

die Wahrheit ist wohl, das eine Reihe der Unterzeichner weit mehr, als sie selber zugeben wollen, in die Nuklearforschung des Dritten Reiches involviert waren


war eine gute Gelegenheit von der eigenen Verstrickung in dieses Forschungsgebiet abzulenken

besonders Heisenberg versucht sich in ein besonders gutes Licht zu rücken

Gruß ADK
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einstrich-keinstrich
Geschrieben am: Mittwoch, 11.Juni 2008, 08:54 Uhr
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Hier noch das komplette Adenauerzitat vom 05.04.1957 :

"Unterscheiden Sie doch die taktischen und die großen atomaren Waffen.
Die taktischen Waffen sind nichts weiter als eine Weiterentwicklung der Artillerie.
Selbstverständlich können wir nicht darauf verzichten, daß unsere Truppen auch
in der normalen Bewaffnung die neuste Entwicklung mitmachen.”

Bearbeitet von einstrich-keinstrich am Mittwoch, 11.Juni 2008, 09:15 Uhr


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Veith
Geschrieben am: Mittwoch, 11.Juni 2008, 09:31 Uhr
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Da gab es schon ein "bißchen" mehr als nur ein Adenauer-Zitat und das "Manifest". Darüber gibt es auch ein Buch und die Rolle von F.J.Strauß, mir fällt der Titel im Moment nicht ein sad.gif

Übrigens, die atomare Bewaffnung der Bundeswehr gab es, sogar noch früher, "nur" hatte ein US-Militär den Schlüssel, das war´s. Und das führte zur "Artillerie-Bemerkung von Adenauer:
QUOTE
... und die Atomwaffen wurden in der Bundesrepublik stationiert. Sogar schon viel früher, als die Bundesregierung das offensichtlich zugeben wollte. Nach einer Dokumentation des Berliner Informations-Zentrums für Transatlantische Sicherheit (BITS) brachten US-Streitkräfte ihre ersten atomaren Fliegerbomber schon im März 1955 in die Bundesrepublik, und Anfang der 60er Jahre lagerten bereits zehn unterschiedliche Typen von Atomwaffen aus den USA in Westdeutschland. In seinem Buch beschreibt Klaus Hoffmann einen Eklat, der sich im März 1957 ereignete, als ein NATO-Offizier aus der Schule plauderte:

... Der Kommandant eines in der Bundesrepublik stationierten NATO-Geschwaders hatte am 13. März im Hauptquartier in Mönchen-Gladbach vor niederländischen Pressevertretern ein Dienstgeheimnis preisgegeben, als er sagte: Die Vierte Alliierte taktische Luftflotte in Süddeutschland ist seit einiger Zeit im Besitz von Atombomben und Flugzeugen, die Atombomben tragen.

Bonn habe, so Hoffmann, versucht, die Meldung zu bagatellisieren, dementierte sie aber nicht. Drei Wochen später gab Adenauer seine brisante Presseerklärung über die "Atomwaffen als Weiterentwicklung der Artillerie" ab und brachte die Wissenschaftler endgültig in Stellung.
http://www.dradio.de/dlf/sendungen/hinterg...politik/615737/

P.S. Wann tauchten kurzzeitig die entsprechende "Atomraketen" der SU in der DDR auf?


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einstrich-keinstrich
Geschrieben am: Mittwoch, 11.Juni 2008, 09:39 Uhr
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QUOTE (Veith @ Mittwoch, 11.Juni 2008, 10:31 Uhr)
Übrigens, die atomare Bewaffnung der Bundeswehr gab es, sogar noch früher, "nur" hatte ein US-Militär den Schlüssel, das war´s.

Ich würde bezweifeln, daß die Bundesluftwaffe im April 1957 schon
mit Kernwaffen ausgerüstet war, Schlüssel hin oder her.

Gemeint sind hier NATO-Flieger, sprich US-Air-Force oder RAF.
Es würde mich auch sehr wundern, wenn zu diesem Zeitpunkt schon
ein einziges Flugzeug der Bundesluftwaffe in NATO-Unterstellung
war ...

Bearbeitet von einstrich-keinstrich am Mittwoch, 11.Juni 2008, 09:41 Uhr


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Eagle-One
Geschrieben am: Mittwoch, 11.Juni 2008, 09:48 Uhr
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Am 2. Oktober 1957 empfahl der polnische Außenminister Adam Rapacki in einer Rede vor der UN-Vollversammlung in New York, dass zunächst die beiden deutschen Staaten, danach auch Polen und die Tschechoslowakei die Herstellung und Stationierung von Atomsprengköpfen und Trägerwaffen auf ihren Territorien untersagen sollten (Rapacki-Plan). Die Bundesregierung äußerte wegen der Überlegenheit des Warschauer Paktes mit konventionellen Waffen Bedenken gegen eine "atomwaffenfreien Zone" in Mitteleuropa, und am 4. Mai 1958 wurde der Rapacki-Plan offiziell von den USA abgelehnt.

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(Es folgt ein Auszug aus einem Artikel des Tagesspiegel vom 16. Dezember 2007)
"Die Teilnehmer am Nato-Gipfel, der genau heute vor 50 Jahren im Palais de Chaillot am Pariser Eiffelturm begann, waren ziemlich nervös. US-Präsident Eisenhower hatte darauf gedrängt, das jährliche Ministertreffen zu einer Konferenz der 15 Regierungschefs aufzuwerten. 1000 Journalisten waren angemeldet. Das jüngste Nato-Mitglied, die 1955 beigetretene Bundesrepublik, wurde durch den 81-jährigen Kanzler Konrad Adenauer vertreten. Der mehrtägige Gesprächsmarathon war gerade für ihn auch eine körperliche Strapaze.

Die Bundesrepublik war zwar Juniorpartner bei dieser Veranstaltung, trotzdem kam ihr eine besondere Rolle zu. Denn wenn es zu einem dritten Weltkrieg käme, dann, und darin waren sich alle einig, würde das geteilte Deutschland wohl im Brennpunkt stehen. Hier würde sich der Konflikt wahrscheinlich entzünden, hier würde er auch zu allererst ausgetragen. Und zwar mit Atomwaffen, denn seit 1954 galt die Nato-Doktrin der „Massiven Vergeltung“: Falls der Westen einem konventionellen Angriff nicht standhielte, würde sofort atomar zurückgeschlagen. Ein Schicksal, dem Adenauer am ehesten unter dem Dach der Nato zu entgehen glaubte.

Den Aufstieg der Bundesrepublik, die mit Wirtschaftswachstum, Vollbeschäftigung und bescheidenem Wohlstand glänzte, sahen die Siegermächte über Hitlerdeutschland durchaus auch mit Unbehagen. „Die Bundesrepublik ist nicht nur bei England, sondern auch bei den übrigen Nato-Staaten fast verhasst, weil man allgemein annimmt, dass sie Reichtümer angesammelt habe, während die anderen große Geldmittel zur Verteidigung verwendet hätten“, notierte Adenauer illusionslos in einem Strategiepapier vor der Pariser Konferenz.

Im Kalten Krieg mit den Warschauer- Pakt-Staaten war die Nato zu diesem Zeitpunkt in die Defensive geraten. Als das Bündnis im Frühjahr 1949 gegründet worden war, sah sich der Westen noch deutlich überlegen. Denn nur die USA besaßen zu diesem Zeitpunkt die Atombombe, ein Gegengewicht zur konventionellen Übermacht. An Letzterer änderte sich in den nächsten Jahren nicht viel. Zwar hatte die Sowjetunion die Truppenstärke der Roten Armee nach dem Zweiten Weltkrieg schrittweise reduziert, trotzdem standen 1957 in Europa etwa 4,7 Millionen Mann auf der Seite des Warschauer Pakts rund zwei Millionen auf der Seite der Nato gegenüber. Das Atom-Monopol hatte der Westen da längst verloren: Bereits ein halbes Jahr nach Gründung der Nato hatte die Sowjetunion ihre erste Atombombe gezündet.

1957 war ein besonders erfolgreiches Jahr für die sowjetischen Techniker: Während die Amerikaner ihre erste Interkontinentalrakete vom Typ Atlas gleich nach dem Start zerstören mussten, konnten die Sowjets den ersten gelungenen Test für sich reklamieren. Mit einem modifizierten Modell der R 7 „Semjorka“ hievten sie anschließend sogar die ersten beiden Satelliten ins All. Alle amerikanischen Städte rückten plötzlich in Reichweite sowjetischer Raketen. Wie glaubwürdig aber wäre die nukleare Drohung durch die USA, fragte sich Adenauer, wenn sie im Gegenzug mit einem Atomschlag auf Washington oder New York rechnen müsste?

Die Pariser Nato-Konferenz endete am 19. Dezember 1957 mit einer Erklärung, in der die Bündnispartner – wie von Adenauer gewünscht – eine engere Abstimmung ihrer Außenpolitik gelobten. Um den Sowjets Paroli zu bieten, beschlossen sie, in Europa Mittelstreckenraketen und Depots von Atomsprengköpfen zu stationieren. Diese Waffen sollten nach Freigabe durch den US-Präsidenten vom Nato-Oberbefehlshaber eingesetzt werden. Als Bündnismitglied wurde die Bundesrepublik indirekt zur Atommacht – und ist es bis heute geblieben, obwohl sie 1969 dem Atomwaffensperrvertrag beitrat und damit auf den Besitz eigener Kernwaffen verzichtete.

Adenauer wollte die Bombe. Nur durch militärische Stärke sei es möglich, „uns gegen den Bolschewismus zu sichern und Sowjetrussland schließlich dahin zu bringen, Bereitschaft zur Verständigung zu zeigen“, heißt es in seinen Erinnerungen an das Jahr 1957. Der Aufbau der Bundeswehr ging zügig voran: 1957 standen bereits rund 120 000 Soldaten unter Waffen, überwiegend Freiwillige, die von reaktivierten Wehrmachtsoffizieren geführt wurden. Eine Wirtschaftsmacht Deutschland mit eigener Atombombe allerdings war auch für die verbündeten Westalliierten eine Horrorvorstellung. Das Prinzip der nuklearen Teilhabe im Rahmen der Nato bot eine Möglichkeit, Adenauers atomaren Ambitionen entgegenzukommen und sie gleichzeitig unter Kontrolle zu halten.

Den Deutschen musste der Kanzler erst beibringen, die Bombe zu lieben. Den ersten Schritt hatte er auf einer Pressekonferenz im Bonner Bundeshaus am 5. April 1957 getan. Beiläufig erklärte Adenauer den bis dato gültigen Atomwaffenverzicht der Bundesrepublik für obsolet. Atomwaffen seien, „im Grunde nichts weiter als die Weiterentwicklung der Artillerie. Selbstverständlich können wir nicht darauf verzichten, dass unsere Truppen auch in der normalen Bewaffnung die neueste Entwicklung mitmachen.“ Mit Widerstand hatte Adenauer gerechnet, doch einen Proteststurm wie in den folgenden eineinhalb Jahren hatte die Bundesrepublik noch nicht gesehen.

Eine Meinungsumfrage im April 1957 ergab, dass 63 Prozent der Bundesbürger die Atombewaffnung der Bundeswehr ablehnten, nur 17 Prozent waren dafür. Gewerkschafter wie der IG-Metall-Vorsitzende Otto Brenner geißelten öffentlich die „militärische Gernegroßpolitik“ der Adenauer-Regierung. Es formierte sich eine breite außerparlamentarische Opposition, zu der sich nicht nur Linke bekannten. Auch Publikumslieblinge wie die Sängerin Lale Andersen („Lili Marleen“), der Filmstar Ruth Leuwerick („Vater braucht eine Frau“) oder der Showmaster Hans- Joachim Kulenkampff („Wer gegen wen?“) unterzeichneten öffentliche Manifeste gegen die Atomrüstung.

Besondere Autorität besaß der Widerstand durch das am 12. April 1957 veröffentlichte „Göttinger Manifest“, in dem 18 führende Atomforscher dem Kanzler vorwarfen, die nukleare Gefahr zu verharmlosen. Darunter Otto Hahn und Fritz Straßmann, die Entdecker der Uranspaltung, und die Nobelpreisträger Werner Heisenberg und Max von Laue. Besonders Hahn fühlte sich seit dem Abwurf der ersten Atombombe schuldig, weil seine Forschungen den Weg geebnet hatten. Heisenberg war in der Nazizeit führend am Atombombenprojekt des Heereswaffenamtes beteiligt gewesen. „Wir leugnen nicht, dass die gegenseitige Angst vor den Wasserstoffbomben heute einen wesentlichen Beitrag zur Erhaltung des Friedens in der ganzen Welt und der Freiheit in einem Teil der Welt leistet. Wir halten aber diese Art, den Frieden und die Freiheit zu sichern, auf die Dauer für unzuverlässig, und wir halten die Gefahr im Falle eines Versagens für tödlich“, schrieben die Forscher an den Kanzler. „Für ein kleines Land wie die Bundesrepublik glauben wir, dass es sich heute noch am besten schützt und den Weltfrieden noch am ehesten fördert, wenn es ausdrücklich und freiwillig auf den Besitz von Atomwaffen jeder Art verzichtet. “

Adenauer bestellte die Atomforscher ins Kanzleramt und ließ ihnen von zwei Bundeswehr-Generälen einen Nachhilfekurs über die militärische Weltlage erteilen. Adolf Heusinger und Hans Speidel hatten schon den Vormarsch der Wehrmacht auf Stalingrad dirigiert, nun erklärten sie, für die einheitliche Führung der Nato-Truppen sei es zwingend notwendig, die Bundeswehr mit den modernsten Waffen auszurüsten. Das Argument kannten die Forscher schon aus Gesprächen mit Adenauers Verteidigungsminister Franz Josef Strauß, der bis Herbst 1956 Atomminister gewesen war: „Ohne Atomwaffen wird Deutschland nur die Bäcker- und Küchenjungen für die Streitkräfte der anderen Alliierten abstellen.“

Die SPD-Opposition im Bundestag sprach sich klar gegen die Atomrüstung aus. Durch eine große Anfrage versuchte sie Adenauer im Mai 1957 als Kriegstreiber bloßzustellen, doch der Kanzler erwies sich als der gewieftere Taktiker. Er erklärte gleich zu Beginn der Debatte, er respektiere die Angst in der Bevölkerung vor Atomwaffen. Mit einer glatten Lüge suchte sein Verteidigungsminister, die Bevölkerung zu beruhigen: „Die Bundesregierung hat die Ausrüstung mit Atomwaffen bisher weder verlangt, noch ist sie ihr angeboten worden“, behauptete Franz Josef Strauß im Parlament und versicherte im gleichen Atemzug: „Zum Schutz der Bevölkerung vor den Auswirkungen von Atomwaffen sind wirksame Maßnahmen geplant.“ Damals glaubten viele noch, ein einfaches Erdloch reiche aus, um sich gegen die Folgen einer Atombombenexplosion zu schützen.

Im Herbst 1957 standen Bundestagswahlen an, aber die SPD schaffte es nicht, die Atomrüstung zur wahlentscheidenden Frage zu machen. Adenauer warf ihr vor, die Ängste der Bevölkerung auszunutzen und Feindpropaganda im eigenen Land zu betreiben. Tatsächlich bot der sowjetische Ministerpräsident Nikolai Bulganin Verhandlungen über die Schaffung einer neutralen, entmilitarisierten Zone in Mitteleuropa an. Das forderten auch die SPD und die Gegner der Atomrüstung. Unter dem Wahlkampfmotto „Keine Experimente“ stellte die Union den Patriarchen Adenauer als Muster an Standhaftigkeit gegen den Kommunismus dar. Sein SPD-Herausforderer Erich Ollenhauer blieb eine blasse Figur. Mit absoluter Mehrheit entschied die Union die Wahlen am 15. September für sich.

Die Proteste gegen die Atomrüstung gingen jedoch weiter, gewannen nach der Nato-Tagung vom Dezember 1957 noch an Intensität. Unter dem Slogan „Kampf dem Atomtod“ bildeten sich überall in den Städten Aktionskomitees, unterstützt von SPD, Gewerkschaften und Teilen der evangelischen Kirche. Doch Adenauers satte Bundestagsmehrheit beeindruckte das nicht: Am 25. März 1958 wurde die Ausrüstung der Bundeswehr „mit den modernsten Waffen“ beschlossen.

„Haben die Regierung und die Parlamentsmehrheit gewusst, wie die Regierung über die Atombewaffnung denkt?“, wetterte der Schriftsteller Erich Kästner im April 1958 auf einer Protestkundgebung im Münchner Zirkus Krone. „Wenn sie es nicht gewusst haben, waren sie keine Politiker. Wenn sie es aber gewusst haben, dann waren sie keine Demokraten.“ Als letztes Mittel versuchte die SPD, einen Volksentscheid herbeizuführen. In Hamburg, wo sie mit absoluter Mehrheit regierte, in Bremen und Frankfurt beschlossen die Stadtparlamente, Volksbefragungen zur Atombewaffnung durchzuführen. Die Bundesregierung klagte dagegen beim Bundesverfassungsgericht. Mit Erfolg. Begründung der Richter: Die Städte mischten sich unzulässig in die Außenpolitik der Bundesregierung ein. Nach dieser Niederlage ebbte der Protest ab. Der Schriftsteller Hans Werner Richter, dessen Münchner Wohnung von der Kripo durchwühlt wurde, weil er Geld für Atomgegner sammelte, schrieb: „Das Volk wird sich mit den Raketen und Atomkanonen abfinden. Die Gewöhnung wird siegen.“
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Am 25. Februar 1958 sprach sich NATO-Oberbefehlshaber General Lauris Norstad öffentlich für die atomare Bewaffnung der Bundeswehr aus.

Der Deutsche Bundestag stimmte der Ausrüstung der Bundeswehr mit Atomwaffen am 25. März 1958 ausdrücklich zu. SPD-Politiker, Gewerkschafter und andere Gegner der atomaren Aufrüstung formierten sich in dem am 10. März 1958 in Frankfurt am Main gegründeten Arbeitsausschuss "Kampf dem Atomtod". Eine von der SPD angeregte Volksbefragung über die atomare Ausrüstung der Bundeswehr wurde vom Bundestag verworfen und vom Bundesverfassungsgericht am 30. Juli 1958 verboten.

Am 2. September 1958 beginnt die Ausbildung der ersten Flugkörpereinsatzoffiziere
der Bundesluftwaffe. Im Februar 1959 folgt die Aufstellung der Flugkörpergruppe 11 mit dem nuklearfähigen Waffensystem TM 61 C – Matador in Kaufbeuren. (auf dem angehängten Foto wird die Kopfmontage in der QRA-Stellung Ochsenhof vorbereitet; Quelle: http://www.usarmygermany.com/units/Ordnanc..._FKGrp%2011.htm ).

EDIT: Bild zunächst störrisch.

Bearbeitet von Eagle-One am Mittwoch, 11.Juni 2008, 09:54 Uhr

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Veith
Geschrieben am: Mittwoch, 11.Juni 2008, 10:00 Uhr
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QUOTE (Eagle-One @ Mittwoch, 11.Juni 2008, 09:48 Uhr)
Im Februar 1959 folgt die Aufstellung der Flugkörpergruppe 11 mit dem nuklearfähigen Waffensystem TM 61 C – Matador in Kaufbeuren.

Danke.


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einstrich-keinstrich
Geschrieben am: Mittwoch, 11.Juni 2008, 10:04 Uhr
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QUOTE (Veith @ Mittwoch, 11.Juni 2008, 10:31 Uhr)
Wann tauchten kurzzeitig die entsprechende "Atomraketen" der SU in der DDR auf?

Vorbereitungen seit 1957.
Meldung der Einsatzbereitschaft der Raketen durch die GSSD im Mai 1959.
August/September 1959 dann wieder abgezogen.

Bearbeitet von einstrich-keinstrich am Mittwoch, 11.Juni 2008, 10:05 Uhr


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Geschrieben am: Mittwoch, 11.Juni 2008, 10:19 Uhr
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Wenn ich es richtig überblicke hat man sich auf politischer Ebene in der BRD erstmals im Juni 1955 durch einen Vortrag von Heusinger näher mit dem Gedanken nuklearer Waffen und ihrer Bedeutung vertraut gemacht.

http://www.bundesarchiv.de/cocoon/barch/00...33/para3_1.html

xde100


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oker
Geschrieben am: Mittwoch, 11.Juni 2008, 10:23 Uhr
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QUOTE (einstrich-keinstrich @ Mittwoch, 11.Juni 2008, 10:04 Uhr)
... August/September 1959 dann wieder abgezogen.

Weiss man auch, warum sie dann wieder abgezogen wurden? Gab es dafür eine Erklärung?

oker


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Eagle-One
Geschrieben am: Mittwoch, 11.Juni 2008, 10:31 Uhr
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Ich will mal zu der ganzen Frage der atomaren Bewaffnung der Bundeswehr auf eine interessante Quellensammlung verweisen. Das Bundesarchiv hat die Kabinettsprotokolle aus der fraglichen Zeit online gestellt. Da kann man die politischen Weichenstellungen gut nachvollziehen -> http://www.bundesarchiv.de/cocoon/barch/00...highlightedTerm .

EDIT: Oh, xde100 hat auch schon an dieser Quelle gegraben. Bin daher wohl ein wenig spät dran mit meinem Post.

Bearbeitet von Eagle-One am Mittwoch, 11.Juni 2008, 10:33 Uhr
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einstrich-keinstrich
Geschrieben am: Mittwoch, 11.Juni 2008, 10:36 Uhr
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QUOTE (oker @ Mittwoch, 11.Juni 2008, 11:23 Uhr)
Weiss man auch, warum sie dann wieder abgezogen wurden? Gab es dafür eine Erklärung?

Es gab dann wohl Mittelstreckeneraketen in der SU, die die
selbe Funktion erfüllen konnten.
Zudem trat Chruchtschow am 15.09.1959 einen USA-Besuch
an, da wollte er sich wahrscheinlich nicht mit dieser Sache
vorführen lassen, da die Stationierung den westlichen Diensten
nicht unbekannt geblieben war.


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Eagle-One
Geschrieben am: Mittwoch, 11.Juni 2008, 10:46 Uhr
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QUOTE (Veith @ Mittwoch, 11.Juni 2008, 10:31 Uhr)
Übrigens, die atomare Bewaffnung der Bundeswehr gab es, sogar noch früher, "nur" hatte ein US-Militär den Schlüssel, das war´s. Und das führte zur "Artillerie-Bemerkung von Adenauer:
QUOTE
... und die Atomwaffen wurden in der Bundesrepublik stationiert. Sogar schon viel früher, als die Bundesregierung das offensichtlich zugeben wollte. Nach einer Dokumentation des Berliner Informations-Zentrums für Transatlantische Sicherheit (BITS) brachten US-Streitkräfte ihre ersten atomaren Fliegerbomber schon im März 1955 in die Bundesrepublik, und Anfang der 60er Jahre lagerten bereits zehn unterschiedliche Typen von Atomwaffen aus den USA in Westdeutschland. In seinem Buch beschreibt Klaus Hoffmann einen Eklat, der sich im März 1957 ereignete, als ein NATO-Offizier aus der Schule plauderte:

... Der Kommandant eines in der Bundesrepublik stationierten NATO-Geschwaders hatte am 13. März im Hauptquartier in Mönchen-Gladbach vor niederländischen Pressevertretern ein Dienstgeheimnis preisgegeben, als er sagte: Die Vierte Alliierte taktische Luftflotte in Süddeutschland ist seit einiger Zeit im Besitz von Atombomben und Flugzeugen, die Atombomben tragen.

Bonn habe, so Hoffmann, versucht, die Meldung zu bagatellisieren, dementierte sie aber nicht. Drei Wochen später gab Adenauer seine brisante Presseerklärung über die "Atomwaffen als Weiterentwicklung der Artillerie" ab und brachte die Wissenschaftler endgültig in Stellung.

Nach meiner Auffassung hat das Zitat nichts mit dem Thema zu tun. Der Inhalt ist sicher richtig, betrifft aber nicht die atomare Bewaffnung der Bundesrepublik.

Na klar - die US-Army in Europe war spätestens seit 1954 mit Kernwaffeneinsatzmitteln ausgerüstet. Auf dem beigefügten Foto von der USAREUR-Site ist das Raketenlager der 7th FA Btry (Rocket) für die nuklearfähige HONEST JOHN-Rakete zu sehen. Das Foto muss 1954 oder 1955 entstanden sein, denn 1955 "rotierte" die betreffende Einheit wieder zurück in die USA. Aber das waren amerikanische Kernsprengköpfe und Trägermittel, keine deutschen.

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Eagle-One
Geschrieben am: Mittwoch, 11.Juni 2008, 10:52 Uhr
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QUOTE (oker @ Mittwoch, 11.Juni 2008, 11:23 Uhr)
QUOTE (einstrich-keinstrich @ Mittwoch, 11.Juni 2008, 10:04 Uhr)
... August/September 1959 dann wieder abgezogen.

Weiss man auch, warum sie dann wieder abgezogen wurden? Gab es dafür eine Erklärung?

oker

@oker

Das haben wir doch alles schon mal durchgekaut, siehe hier -> http://www.nva-forum.de/nva-board/index.ph...opic=5585&st=15
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